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Leserbrief zum Strahlenschutz:
Du übernimmst hier etwas unkritisch den Begriff "verstrahlt". Verstrahlt sein kann man nicht. Falsch, verstrahlt sein kann man, das sind Leute wie Söder oder Seehofer. Das hat aber nichts mit Radioaktivität zu tun. Leute die den Begriff "verstrahlt" benutzen zeigen recht deutlich, dass sie von der Materie keine Ahnung haben, so auch die Twitterquelle. Glaubt man Google Translate, so spricht die Primärquelle (deren Zuverlässigkeit nicht im Ansatz bewerten kann und will) nicht von "verstrahlt", sondern von "... Cäsium-137 im Muskelgewebe gefunden ...". Es gibt da drei Kategorien die ich hier gerne kurz vorstellen würde:
    - Exposition: Das bedeutet, dass man sich in der Nähe von einem Emitter von ionisierender Strahlung (ein etwas allgemeinerer Terminus, der neben der Emission von radioaktiver Strahlung durch Radionuklide auch Röntgenstrahlung mit einschließt) aufgehalten hat und von der Strahlung getroffen wurde. Beispiele: Röntgenbild, CT, Flugzeugflug etc. (siehe https://en.wikipedia.org/wiki/Sievert bei "dose examples") Eine Exposition ist eine einmalige Sache, es werden Zellen zerstört und es kann in bestimmten Fällen zu Zellmutationen kommen (und damit zu Tumoren), aber wenn die Exposition vorbei ist, dann besteht keine Gefahr mehr. - Kontamination: Hier wird es schon unangenehmer. Kontamination bedeutet, dass radionuklide an einem Gegenstand oder einer Person haften. Das kann bei einer Röntgenaufnahme oder einem CT deswegen nicht passieren. Eine Kontamination einer Person schließt eigentlich immer eine Exposition fǘr die Dauer der Kontamination mit ein. Hier ist es schon deutlich schwerer Beispiele zu finden. Beispiel: Bei der Injektion von radioaktiven Tracern bei einer Schilddrüsenuntersuchung geht ein Tröpfchen daneben. > In Bereichen wo mit Radioaktivität gearbeitet wird gibt es deswegen an den Ausgängen Schleusen, wo man vor allem Hände und Füße auf Kontamination überprüfen muss. In diesen Bereichen trägt man üblicherweise Überschuhe, Einmalgummihandschuhe und Kittel. Bei Kontaminationen besteht eine Verschleppungs- und Inkorporationsgefahr, deswegen müssen Kontaminationen beseitigt werden. - Inkorporation: Hier wird es nun richtig unangenehm. Bei einer Inkorporation sind Radionuklide in den Körper gelangt. Eine Inkorporation bedeutet immer auch eine Exposition, je nach Nuklid mit besonderem Gefahrenpotential. Die Vorstufe einer Inkorporation ist im arbeitstechnischen Sinne oft eine Kontamination (Hände kontaminiert, dann an den Mund gefasst), aber auch Inhalation von radioaktiven Gasen kann auftreten (z.B. an Teilchenbeschleunigern mit unzureichender Lüftung). Das gefährliche an einer Inkorporation ist, dass die inkorporierten Nuklide eventuell lange im Körper verbleiben. Zwei Prozesse reduzieren die Anzahl der inkorporierten radioaktiven Atome: Das eine ist die biologische Halbwertszeit (Ausscheidung) und die physikalische Halbwertszeit (Zerfall des Nuklids). Einige Radionuklide werden schnell ausgeschieden, andere verbleiben sehr lange im Körper und sorgen so für eine Exposition über einen sehr langen Zeitraum, so wie 137-Cs im Falle des russischen Arztes. > Ein Beispiel für eine (freiwillige, wahrscheinlich aber unbewusste) Inkorporation ist in Deutschland leicht zu beobachten: Rauchen. Natürlich vorkommende Radionuklide werden von der Tabakpflanze aufgenommen und in den Blättern eingelagert. Diese Stoffe bleiben beim Verarbeiten des Tabaks erhalten. Diese Nuklide sind vor allem alpha-Strahler, diese Strahlung ist extrem energiereich und damit sehr zerstörerisch, die Reichweite ist aber sehr gering. So gering, dass die Strahlung nicht durch den Harz der Tabakpflanze hindurchdringen kann. Auch die toten oberen Schichten der Haut sind dick genug um diese Art von Strahlung abzuschirmen. Verbrennt man den Tabak und damit die Harzschicht und atmet das Erzeugnis ein, so atmet man auch die Radionuklide mit ein. Diese bleiben dann gerne auf der Oberfläche der Lunge kleben. Da gibt es keine Hornhaut, es kommt so zu einer starken Schädigung des Lungengewebes. Die resultierende Dosis ist in der gleichen Quelle wie oben zu finden.
So, ich hoffe das ist nicht zu lang geworden. Du betonst ja immer den Lehrauftrag deines Blogs, ich würde mich also freuen wenn Deine Leser nach dieser Lektüre etwas mehr über "Verstrahlung" wissen. Ich bin jetzt nicht auf den Unterschied zwischen alpha-, beta- und gamma-Strahlung eingegangen, da es hier eigentlich nicht so relevant ist. Wäre dann auch noch länger geworden.
#fefebot #twitter #google
"..., aber auch Inhalation von radioaktiven Gasen ..."
Dies Halbsatz musste ich in diesem Halbwissen erst suchen. Und der "radioktive Gas" heißt (in dem Fall) die Luft. Cäsium-137 ist sehr flüchtig und sehr gut wasserlöslich.