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Freiheit und Kontrolle in den dezentralen Netzwerken

Die dezentralen Netzwerke, deren Teil wir hier als Postende oder Abonnierende sind, haben bislang noch den guten Ruf, ein Ort für Menschen zu sein, die sich vorzugsweise zu freier Software, aber auch zu hohen moralischen Ansprüchen wie Meinungsfreiheit und Toleranz hingezogen fühlen.

Mit steigender Beliebtheit werden sich jedoch auch in den dezentralen Netzwerken mehr und mehr Menschen Accounts verschaffen, deren Ansichten nicht mehr mit mehr mit der geistigen Wohlfühlzone der ursprünglichen Bevölkerung dieser Netze kompatibel sind. Die Folge: Reaktionen auf non-verbaler, auf technischer Ebene. Die einfachste davon ist immer noch: Postings blockieren oder muten, die einem nicht passen, User entfolgen, deren Ansichten einen ankotzen.

Doch es gibt nicht nur die Ebene des individuellen Users. Es gibt auch noch die Ebene der Knoten, also die Ebene jedes einzelnen Pods, Hubs oder wie sie je nach Plattform heißen. Wer seinen eigenen Knoten betreibt, kann dort nach eigenem moralischen Gusto schalten und walten. Doch wer einen Knoten für Accounts anderer User öffnet, geht damit auch Verantwortung und Risiken ein. Auf juristischer Ebene sowieso, aber dazu kommt auch noch, was man auf dem eigenen Knoten an Äußerungen gelten lässt und was nicht. Es ist nicht immer damit getan, sich einfach auf Gesetze zu berufen und zu sagen, es wird alles gelöscht, was in meinem Land strafbar ist. Manchmal ist es halt schwer zu entscheiden, ob etwas strafbar ist, oder ob es einen nur persönlich anwidert.

Auf Diaspora ist heute eine Diskussion um das Thema entbrannt. Offensichtlich wurden von den meisten größeren Pods bestimmte Accounts anderer Pods gebannt, d.h. es werden keine Interaktionen mehr zwischen dem eigenen Pod und dem gebannten Account geduldet. Keiner der eigenen User kann sich mehr mit dem gebannten Account verbinden, und keiner der eigenen User bekommt mehr irgendwas von dem gebannten Account zu sehen.

In den genannten Fällen handelt es sich (man korrigiere mich, wenn es anders ist) wohl um Accounts, von denen aus rassistische Nazi-Ideologien verbreitet wurden. Doch dabei wird es nicht bleiben. Was ist mit militanten Impfgegnern, Salafisten, extremistischen christlichen Sekten, Verschwörungstheoretikern aller Couleur und all den anderen geistigen Strömungen dieser Welt, die nicht gerade mehrheitsfähig sind, aber eben ihre glühenden Anhänger haben. Was wird welcher Knoten-Admin dulden und was nicht? Jeder Knoten-Admin ist anders, und mancher wird sich vielleicht im Laufe der Zeit selber als ideologischer Engpass entpuppen, weil er alles bannt, was ihm nicht in den Kram passt.

Aus Sicht von Account-Inhabern wäre es schon mal ein ganz wichtiges technisches Feature, ohne oder nur mit wenigen Datenverlusten und mit all seinen Kontakten und Verbindungen zu einem anderen Knoten wechseln zu können. Darüber hinaus stellt sich aber auch die Frage, ob es nicht vielleicht sinnvoll wäre, eine Art #Verfassung für #Fediverse/#Federation zu entwickeln, die grundsätzliche Richtlinien für Enduser, aber auch für Knotenbetreiber enthält. Möglicherweise gibt es ja auch schon längst Ansätze zu so etwas.

Und jetzt noch die erwähnte Diskussion auf Diaspora:
In dem Zusammenhang ist auch das spanennd was @Fefebot heute gepostet hat:
https://slatestarcodex.com/2019/02/22/rip-culture-war-thread/
So etwas kann schnell eskalieren und es wichtig da einzugreifen. Siehe auch Tolerance of Paradox.

Desweiteren hat pluspora.com folgende Regeln:
https://sites.google.com/talesfrombabylon.com/pluspora/pluspora
Ja, Pluspora hat schon solche Richtlinien entwickelt. Aber warum stehen die auf Google Sites? Wäre es aus User-Sicht nicht richtiger, wenn die auf pluspora.com stehen würden? Als Teil der Software. Als Terms of condition, die man ankreuzen muss, um überhaupt einen Account erstellen zu können? Und wenn es dann aber in diesen Software-Produkten so eine Terms-of-Condition-Lösung gäbe: soll diese Terms jeder Knotenbetreiber selber festlegen können? Oder sollte es irgendwas Übergreifendes geben, das nicht änderbar/verhandelbar ist?
Montag friendica
Oder sollte es irgendwas Übergreifendes geben, das nicht änderbar/verhandelbar ist?

Da wäre ich strickt gegen. Immerhin wird die Infrastruktur ja meist von Hobby-Admins kostenlos zur Verfügung gestellt, und da halte ich es nach der Devise, "Mein Server, meine Regeln". Und ich nutze auch die Möglichkeit, serverweit zu blocken. Irgendwelchen Nazimist oder Trolle möchte ich nicht über meine Instanz verbreiten.

Wäre es aus User-Sicht nicht richtiger, wenn die auf pluspora.com stehen würden? Als Teil der Software. Als Terms of condition, die man ankreuzen muss, um überhaupt einen Account erstellen zu können?

Ja, die müssten leicht zu finden sein und auch zu akzeptieren, wenn man sich an einer Instanz anmeldet.

soll diese Terms jeder Knotenbetreiber selber festlegen können?

Meiner Meinung nach ja. Gerade mit Friendica ist es ja nun nicht so schwer, seine eigene Instanz zu betreiben (wenn ich das schon seit ein paar Jahren schaffen, bekommen das andere auch hin ;-) ). Wenn man mit den Nutzungsbedingungen der vorhandenen öffentlichen Instanzen nicht einverstanden ist, macht man eben seine eigene auf (gut, ganz so einfach ist es nicht, Interesse und Kenntnisse müssen ja schon vorhanden sein, aber es ist eben keine Quantenphysik, also durchaus machbar).
@Stefan Münz ich finde diese Idee mit der Verfassung richtig gut. Allerdings dann so, dass man diese als Standardtext in der Installation mitliefert, sie aber abänderbar ist. So haben wir grundsätzlich erstmal was da stehen, was hoffentlich von vielen als annehmbar akzeptiert wird.

Das würde bestimmt jedem Serverbetreiber helfen und wenn sich jemand einen neuen Account klickt, dann wird er darauf hingewiesen, welche Regeln und Netiquette auf diesem entsprechenden Server gelten. Ebenso finde ich die Idee von Friendica gut, dass man an eine Instanz/Pod/Knoten/Server Domain ein /tos (Terms Of Service) ranhängt und landet dann gleich auf der entsprechenden Nutzungsseite mit den Regeln.
@hoergen Wie geht das mit /tos? Funzt bei mir nicht. Was muss ich da bearbeiten? Bin zwar hier mein eigener Herr, aber so was wie "my personal interaction terms" auf einer plattformeigenen Seite zu hinterlassen wäre schon sinnvoll.
@Stefan Münz Du hast im Admin Panel unter "Nutzungsbedingungen" die Option diese sowie die "Datenschutzerklärung"zu aktivieren und Text einzugeben. https://social.stefan-muenz.de/admin/tos/
@hoergen Ah danke! Da werde ich mir dann mal Gedanken machen, was ich da hinschreibe. Hab ja hier sonst keine User, insofern entfällt das alles. Aber so eine Art Betreiber-Manifest macht schon Sinn.
Diaspora hat noch allgemeine terms of service und privacy policy wenn du links im Menü in der Desktop Ansicht schaust
@Christoph S Ah OK, ja, da gibt es auf Pluspora diese Seite:
https://pluspora.com/terms
Zieh ich mir mal rein :-)
Das ist ziemlich genau das Problemfeld über das wir bei Darcy gerade sehr intensiv nachdenken. Zur Erinnerung: Wir wollen unter anderem Moderation als Dienstleistung anbieten. Dafür ist es natürlich wichtig, dass man weiß, was man da bekommt: Die Richtlinien für die Moderation müssen also transparent, verständlich, und für so viele Leute wie möglich annehmbar sein.

Gleichzeitig ist es so, dass Leute auch mit Instanzen reden wollen, die nicht von Darcy mitmoderiert werden. Die können wir also nicht einfach ausschließen. Andererseits wollen Leute von Instanzen geschützt werden, die zB einfach nur ein Heimathafen für Spammer sind.

Generell ist die Frage danach, wie Moderation in einem wirklich globalen und sehr großen föderierten Netzwerk funktioniert noch lange nicht abschließend gelöst. Wir können da auch nur Vorschläge machen und sind auf das Feedback anderer angewiesen.
@Christian Buggedei Richtig, darcy.is geht ja genau in die Richtung, knotenübergreifende Richtlinien und Moderation "as a service" anzubieten (für alle, die davon noch nichts gehört haben - ich hatte dazu neulich schon mal was gepostet. Unabhängig von der moderationsfähigen Network-Software, die ihr dazu entwickelt, steht ihr aber wohl auch vor dem Problem, eine Art Verhaltensmanifest für zivilisiere Netzwerke zu erstellen (was hier mal salopp als "Verfassung für Fediverse/Federation" bezeichnet wurde), ein Manifest, das Zustimmung in möglichst vielen Kulturräumen findet und auf möglichst vielen Sprachen der Welt verfügbar ist. Keine leichte Aufgabe.
Das ist tatsächlich der schwerste Teil daran - die Softwareseite ist dann im Vergleich trivial. (Nur im Vergleich. Da gibt es diverse eigene Probleme, aber die sind alle grundsätzlich lösbar.)

Zum Glück haben wir Leute im Team, die sich schon länger damit beschäftigen. Und natürlich schauen wir alle sehr genau auf Diskussionen wie diese hier, damit wir wissen, was gewollt ist, und was nicht.